In diesem Sinne: Kauft Schallplatten.

CC Crate Digger von Johnny Klemme
Toller Artikel über analoge Medien im Technology Review Blog:
Sie nehmen Platz weg, sie haben Gewicht, sie starren einen ungelesen oder ungehört an und fordern, dass man sich mit ihnen beschäftige – Eigenschaften, die sich mit der totalen Beliebigkeit des digitalen Alles-haben-Könnens nicht vertragen. Sie zwingen dazu, eine Auswahl zu treffen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, die eigene geistige Landkarte zu verfeinern.
Eigentlich halte ich mich ja aus dieser DJ-Medien-Debatte am liebsten raus – jeder soll damit auflegen, womit er glücklich wird. Und auch wenn es in dem TR-Artikel gar nicht ums Auflegen geht: Die beiden Sätze da oben sind für mich persönlich der Hauptgrund, immer noch fast ausschließlich mit Vinyl aufzulegen. (Davon abgesehen, dass ich schon den ganzen Tag in einen Laptopbildschirm starre und das daher nicht auch noch in meiner Freizeit machen möchte.) Das oft gehörte Argument, es sei ja so praktisch, immer alles dabei zu haben, führt leider viel zu oft zu einer totalen Beliebigkeit. Klar könnte man sich vor jedem Set hinsetzen und eine virtuelle Plattenkiste für die Nacht vorbereiten, aber wer macht das schon (Tanith scheint einer der wenigen zu sein)? Und die kreativen Möglichkeiten, die mit einem digitalen Setup ohne Zweifel weitaus größer sind, als mit zwei Technics und einem einfachen Mixer, nutzen leider die allerwenigsten wirklich aus.
Klar sind MP3s billiger und leichter zu tragen. Aber wenn man mit diesem Argument kommt, muss man sich auch die Frage gefallen lassen, die ein geschätzter (und weit professioneller als ich arbeitender) Kollege vor einer Weile beim Essen aufbrachte:
Seid ihr DJs oder Mädchen?
Nylvi
Nylvi ist eine neue, sehr übersichtlich und schick aufgemachte Plattform für den Vinylhandel. Neben den nackten Funktionen zum Vinyl(ver)kauf bietet Nylvi eine Menge redaktionell aufbereiteter Inhalte, zum Beispiel Label- und Städtefeatures.
Ob das allein reicht, um dem Platzhirschen Discogs User abzujagen, wird sich zeigen. Im Moment bin ich da noch eher skeptisch, punktet Discogs doch vor allem mit der Anbindung an die kompletteste Datenbank elektronischer Musik. Außerdem schienen mir beim schnellen Durchsehen die allermeisten der Verkäufer, die bei Nyvil Platten zum Verkauf anbieten, doch aus der Profiecke zu kommen – mit entsprechenden Preisen.
Trotzdem könnte ich mir vorstellen, dass Plattformen wie Nylvi durchaus eine Zukunft haben. In Anbetracht der letzten Vertriebspleiten (Neuton und Pinnacle) ist wieder einigen Labels der Vertrieb abhanden gekommen. Einige werden vermutlich einen anderen Distributor finden, andere werden vielleicht ganz aufgeben oder zumindest auf rein digitale Veröffentlichungen umstellen. Trotzdem werde einige der Labels weiter auf Vinyl setzen – weil sie es wollen. Sicher nicht aus finanziellen Überlegungen, sondern einfach, weil sie ihre Releases in Vinyl gepresst in der Hand halten möchten. Schon jetzt findet man ja in den einschlägigen Onlineshops hier und da Exklusivreleases, die direkt von den Labels (eben solche ohne Vertrieb) kommen. Man erreicht zwar so sicher nicht so viele potentielle Kunden wie auf den althergebrachten Vertriebswegen, aber um eine Fangemeinde zu bedienen reicht es allemal. Und genau da sehe ich auch die Chance von Angeboten wie Nylvi: Kleine Vinyllabels können so relativ komfortabel ihr eigener Vertrieb sein und direkt an den Endkunden verkaufen – was das Veröffentlichen auf Vinyl nicht nur in vielen Fällen überhaupt erst möglich machen wird, sondern auch recht kleine Auflagen finanziell halbwegs lukrativ machen könnte.
Wenn das alles so kommt, wie ich das hier in meiner Glaskugel sehe, ist das natürlich ein weiterer Sargnagel für den traditionellen Plattenladen. Da wird sich wohl so oder so der Trend fortsetzen, dass sich nur noch die wirklichen Platzhirsche wie Kompakt, Hardwax oder Freebase halten können. Eine weitere Verlagerung ins Netz, inklusive sukzessiver Umstellung der Labels auf Eigendistribution, würde diesen Vorgang sicher noch beschleunigen. Was natürlich sehr schade ist, allerdings: Wenn das der Preis ist, um weiter Musik auf ordentlichem Vinyl zu bebommen, dann okay.

