Open Access
Ich muss hier mal wieder politisch werden, es sei mir vergeben.
Prof. Dr. Roland Reuß verbreitet in der FAZ (die ja scheinbar in letzter Zeit dem Fortschritt in jeder Form den Kampf angesagt hat) ganz großen Unfug über Open Access. Kurz zusammengefasst ist der gute Herr Reuß der Meinung, dass man mit einem (gesetzlich vorgeschriebenen) Zweitverwertungsrecht für wissenschaftliche Publikationen den Wissenschaftlern die Freiheit nehme, nach eigenem Gutdünken über die Publikation ihrer Ergebnisse zu entscheiden.
Jetzt halten Sie sich fest, Prof. Reuß: DAS IST VOLLKOMMEN IN ORDNUNG. Denn: das, was sie (und ich und die allermeisten unserer Kollegen in der öffentlich finanzierten Forschung) da tun, ist aus Steuergeldern finanziert. Jeder Steuerzahler in der Bundesrepublik hat ein kleines Stück von ihren (und meinen) Projektgeldern, Reisemitteln, von unseren Laptops und Gehältern bezahlt. Jetzt erklären Sie diesen Menschen mal bitte, warum sie etwas zu völlig überzogenen Preisen von Wissenschaftsverlagen kaufen müssen, dessen Erstellung sie direkt mitfinanziert haben.
Nebenbei: Wer reich werden will, wird kaum Wissenschaftler werden. Und wer seine Ergebnisse hinter den Paywalls von Verlagen verstecken will, dem ist vielleicht gar nicht so sehr daran gelegen, dass die überhaupt jemand liest.
Dass innerhalb des klassischen Wissenschaftsverlagswesens Open Access keine richtige Fahrt aufnimmt, ist im übrigen kein Wunder. Meinen letzten Zeitschriftenartikel hätte ich auch unter Open Access zur Verfügung stellen können, gegen den kleinen Obolus von 3000 Euro (was einen Großteil der Sachmittel unseres Projektes verbraten hätte). Da stelle ich den Artikel doch lieber als PDF auf meine Website und hoffe darauf, dass meine Leserschaft eine Suchmaschine bedienen kann. Das wird wohl bei den allermeisten Wissenschaftlern, die wahrgenommen werden wollen, als Workaround herhalten bis die (durchaus zahlreichen) verlagsunabhängigen Open Access Journals mehr Fahrt aufnehmen.
Dass Roland Reuß der Hauptinitiator des unsäglichen Heidelberger Appells ist, wundert einen da nicht.

22.7.2010 11:32
Ach… aus gesundheitlichen Gründen beschäftige ich mich seit einiger Zeit kaum noch mit den Themenbereichen Urheberrecht/Journalismus/Wissenschaft/Verlage…
Man kann darüber nämlich verrückt werden, wenn man auf dem unerhörten Standpunkt steht, dass die von Verlegern und anderen Power-Verwertern so geliebte Ausschließbarkeit von Wissen durch Verrechtlichungs- und Vermarktungsmechanismen nicht zu einer Steigerung der gesellschaftlichen Wohlfahrt führt, sondern im Gegenteil sie mindert.
Das Ding ist: Leuten wie Reuß geht es nicht um so krude Begriffe wie Gemeinwohl. Der Mann ist Besitzstandswahrer.
22.7.2010 12:12
Wenn man aufhört, sich aufzuregen, wird sich leider nie was ändern. Auch wenn das vielleicht die bultdrucksenkende Variante wäre.
22.7.2010 16:18
Aber, aber seit wann muss sich denn entschuldigen wenn man politisch wird? Ich finde man kann sich durchaus über etwa aufregen ohne dabei gleich schlechte Laune zu verbreiten und außerdem leide ich schon immer unter notorisch niedrigem Blutdruck, da tut so ein kleiner Aufreger meinem Kreislauf sehr gut!
22.7.2010 16:22
@Stefan: Bei dir ist der Aufreger ja Standard :)
Ich hatte irgendwann mal versucht, das hier thematisch etwas konsistenter zu betreiben (Musik und so), daher die etwas augenzwinkernde Entschuldigung. Aber das funktioniert wohl irgendwie auch nicht mit der Konsistenz. Vielleicht sollte ich die Headline ändern in »Musik und worüber man sich noch so aufregen kann«.